Annette über Beobachten

Über die Bedeutsamkeit des  Beobachtens.

Es ist einige Zeit her, als mich ein international anerkannter und beliebter Yogalehrer nach Kontakten zu guten Anatomielehrern für seine Ausbildung in Berlin fragte. Ich nannte einige Namen, die ihm bereits geläufig waren. Nach einem kurzen Moment meinte er dann ganz lapidar: „Eigentlich braucht es gar keinen präzisen Kenntnisse der Anatomie fürs Unterrichten – es reicht wenn man als Lehrer genau hinschaut bei seinen Schülern.“

Bis zu einem gewissen Grad pflichte ich ihm völlig bei. Genau Hinschauen in der eigenen Praxis und genaues Beobachten in den Klassen gehört zu den Grundvoraussetzungen für einen guten Lehrer. Deswegen legen wir auch so großen Wert auf das Observieren. Schon während der Ausbildung lernen wir mit einem etwas anderem Blick auf unsere Mitlernenden zu schauen: zugewandt, nicht wertend, dennoch klar und analytisch. Wir trainieren unsere Augen auf  die Stellungen der Füße, dem Verhältnis der Gelenke übereinander und vieles mehr. Wir schulen unseren Blick auf das ganze, große Erscheinungsbild. Mit dem Prinzip „See the beauty first – Entdecke zuerst das Schöne“ richten wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das, was uns im Gegenüber inspiriert. Mit der dadurch entstandenen positiven Einstellung öffnen wir uns für kleine Details, die unserem Schüler mehr Zugang zu den eigen körperlichen Möglichkeiten und somit zu mehr Freiheit in der Entfaltung seines Selbst schenkt.

Das ist tatsächlich nicht immer ganz einfach und es braucht viel Übung. Deswegen gibt es beim Observieren von Klassen während oder auch nach der Ausbildung meist Aufgaben, beispielsweise: „Achte nur auf die Haltung des Beckens in den Standhaltungen und Drehungen!“ oder „Wie setzen die Schüler das Prinzip xy um? Ist es verständlich erklärt, so dass es in den Körpern zu einer Verbesserung, zu mehr Kraft bzw. Leichtigkeit führt?“. Feiner wird das Observieren mit Aufgaben wie „Beobachte, wer die wenigste Erfahrung auf der Yogamatte mitbringt und wie er oder sie mit dem Tempo und der Anforderung umgeht.“ – „Gab es eine gemeinsame Energie, die alle Teilnehmer erfahren konnten?“ und dann als wichtigstes Element des Yoga „Haben alle gemeinsam geatmet?“

Bevor unser Blick nicht geschult ist für die physische und energetische Ausrichtung unser Schüler, sollten wir wirklich die Finger von Ihnen lassen (Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Lehrer in einigen Yogaformen vor der Klasse „mitturnen“ während sie ansagen. Sie können so gar nicht Gefahr laufen, durch manuelle Assists etwas zu „verbessern“). Die logische und klare Reihenfolge nach dem Teachertraining lautet: erst observieren, dann assistieren, dann unterrichten.

Aber wie kann ich mein Sehen verfeinern? Ich möchte dafür ein kleines Beispiel aus meiner Zeit als Casting-Frau für Werbefilme erzählen. In fast wöchentlichem Wechsel hatte ich sehr unterschiedliche Aufträge, mal wurden karaoke-singende Asiaten gesucht, dann Businessmänner um die 50, ein nächstes Mal freche Kinder mit großen Zahnlücken. Mein Job damals war es, auf die Strasse zu gehen und Menschen mit entsprechenden Merkmalen zu finden. Was dieser Job mit meiner Sehgewohnheit machte, war verblüffend – mein Blick schärfte sich tatsächlich je nach Anforderungsprofil in der Masse der Menschen auf Strassen und Plätzen auf genau diejenigen, die ich finden wollte. Das nicht immer genau meine Vorschläge für die Filme gewählt wurden, hat mich zwei wesentliche und miteinander verbundene Qualitäten lernen lassen:

Zunächst eine klare Konzentration auf das Wesentliche , um dann im zweiten Schritt loszulassen von meiner Vorstellung, was gerade richtig oder passend scheint.

Nichts anderes also, als wir auf der Yogamatte praktizieren: ich übe voller Leidenschaft auf eine bestimmte Stellung hin, um mich dann nicht damit zu identifizieren. Es ist nicht wirklich produktiv, als Lehrer nur das eine Detail den Schülern zu nennen und darauf zu bestehen, es perfekt umgesetzt zu sehen. Es geht um das harmonische Gesamtbild. Und das bedeutet auch, aus der individuellen Beobachtung und den Erfahrungen meiner eigenen Yogapraxis Raum zu geben für Erfahrungen  meiner Schüler und ihrem persönlichen Tempo in der Entwicklung hin zum Höheren. Geduld lautet hier das Zauberwort, eine Qualität, die uns alle in eine gute Ausrichtung miteinander bringt.

Und noch ein kleiner Hinweis am Rande: beobachte ich in meiner Klasse das immer wieder auftauchende gleiche Ausrichtungs-Dilemma, sollte ich mir daraufhin ganz genau meine eigene Praxis unter die Lupe nehmen. Vielleicht observieren und spiegeln meine Schüler einfach meine Fehlausrichtung?

 

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